Auf der Flucht

Suva, Mittwoch 25. März 2020, 14:15 Uhr

Bitte um Entschuldigung, dass ich mich in dieser turbulenten Zeit so wenig gemeldet habe. Aber ich war sehr im Stress mit dem Organisieren meiner Ausreise, die bis jetzt noch nicht geklappt hat. Einige von euch in der Heimat haben sich bereits Sorgen gemacht und mir geraten mich bei unserem Aussenministerium zu melden, damit ich nach Hause gebracht werden kann. Wie bereits in meinem letzten Blog berichtet, ist das fuer mich nur Plan C. Außerdem müsste das ein Direktflug sein, da die großen angrenzenden Länder mittlerweile niemanden mehr durchlassen.

Fidschi hat mittlerweile den 5. Covid Fall zu beklagen. Man ist hier sehr streng und es wurden bereits mehrere Leute bestraft und unter Arrest gestellt – weil sie die Ausgangssperre in Lautoka missachtet haben – als es dort die ersten drei Covid-Faelle gibt.

Hatte einen Flug über Australien gebucht und bin drei Stunden per Taxi auf die andere Seite der Insel zum Flughafen gefahren. Dort hat man mir beim check-in gesagt, dass zwar nur Australier nach Sydney reisen dürfen, aber ich mit meinem Diplomatenpassen eine Ausnahme bekommen werde.

🙂

Ich solle zu einem anderen Schalte gehen, wo drei Beamte der austral. Einwanderungsbehörde Dienst tun. Die waren freundlich nahmen meine Dokumente auf und sandten das ganze nach Australien. Nun müsse ich auf die Antwort warten. Nach einer halben Stunde noch immer nichts. Nach weiterem Warten informiere ich meinen check-in. Die sagen mir, dass der Schalter bereits geschlossen ist und ich trotz gültigem Ticket nicht mehr mitkomme.

😦

Die australischen Grenzbeamten teilen mir mit, dass mein Antrag abgelehnt wurde. Mir bliebe nur per Internet um eine Ausnahme zur Durchreise anzusuchen und mir ein neues Ticket zu kaufen.

😦

Ich fahre wieder 3 Stunden mit dem Taxi zurück nach Suva. Habe meine angelegten Vorräte bereits verschenkt. Also werde ich morgen wieder einkaufen müssen. Aber nicht viel. Noch lebt ein Funken Hoffnung in mir. Und den Koffer werde ich auch nicht auspacken.

Ich schreibe noch in der Nacht dieses Gesuch. In der Früh kommt die Antwort mit Ablehnung. Nicht einmal 2 1/2 Stunden zur Durchreise im internationalen Transitbereich. Sehr grausam.

😦

Ich habe mittlerweile 4 Flugticktest verloren, weil entweder keine Durchreise durch ein Land mehr erlaubt war oder Fluege gestrichen wurden. So beispielsweise als plötzlich Australien und Neuseeland gemeinsam ihre Grenzen sowohl für die Einreise als auch die Durchreise sperrten. Nur Staatsangehoerige duerfen mehr einreisen.

Am nächsten Tag der nächste Schlag. Singapur schließt ebenfalls seine Grenzen. Fiji Airways stellte bereits seine internationalen Flüge ein. Auch Qantas hat dies bereits getan. Nur mehr Air New Zealand fliegt. Auch nach Fidschi.

Vorgestern habe ich bereits aufgegeben und mich mit der Tatsache abgefunden, dass ich hier bleiben werde. Unsere Botschafterin und ein paar australische Kollegen sind bereits in ihrer Heimat. Mein Chef und ein weiterer Kollege sollten morgen das Land verlassen. Dann bliebe nur mehr ich, mein spanischer Freund und Kollege und ein Südafrikaner. Mein Chef hat uns angewiesen, dass wir im Falle des Falles alle in sein Haus ziehen können. Verlockend, denn das ist ein ziemliches Anwesen.

Gestern keimte ein weiteres mal die Hoffnung in mir auf. Mein Chef meinte ich könnte über Neuseeland, das für uns seine Grenzen zur Durchreise wieder bis Sonntag geöffnet hat, nach Hawaii fliegen ( Santiago de Chile stand damals auch noch zur Auswahl, hat aber seine Grenzen mittlerweile auch geschlossen) und dort in einem Hotel für 2 Wochen unter Selbstquarantäne zu bleiben. Dass sei meine letzte Chance hier wegzukommen, denn dann lässt uns Neuseeland nicht mehr durch und es wird auch keine Flüge mehr geben. Habe sofort die Notfallnummer unseres Reisebüros in Washington angerufen. Die haben mir eine Reise von Nadi (Fidschi) nach Auckland (Neuseeland) und weiter nach Honolulu gebucht – letzter freier Sitzplatz. Und auch gleich das Hilton Hotel Waikiki Beach. Mit teilweisen Meeresblick, damit ich mich nicht so eingesperrt fühle, wenn ich zwei Wochen lang das Zimmer nicht verlassen darf. Danach dürfe ich – unter Einhaltung der physischen Distanz – mich frei bewegen.

🙂

Nach dem wieder Hoffnung und auch ein wenig Freude in mir wieder aufkeimten, kam der nächste Schlag. Ich habe kein zur Einreise notwendiges D4 Visum (für Angestellte internationaler Organisationen). Mein Chef meinte ich müsse die Reise stornieren, weil die Botschaften hier schon viele Leute in die Heimat zurückgeschickt haben und nur mehr Notbetrieb fahren. Daher werden keine Visa mehr ausgestellt. Ich war enttäuscht.

😦

Da ich diese Spiel mittlerweile schon kenne, habe ich die Reise natürlich nicht storniert. Am nächsten Morgen die Nachricht, dass der IWF interveniert hat. Die hiesige US Botschaft bat mich die unzähligen Anmeldeformalitäten im Internet auszufüllen. Das tat ich und nun ist die Hoffnung wieder zurück. Noch habe ich zwar nicht das Visa, aber ich glaube das sollte klappen.

🙂

Aber bis zu meinem Abflug am Samstag wären es noch einige Tage. Zwei Stunden später schon die Nachricht, dass der Flughafen in Nadi geschlossen werden soll.

😦

Eine Stunde später: Ab Sonntag.

🙂

Letzte Nachricht, aber nur Gerücht – schon ab morgen

😦

Und es kann auch passieren, dass bis dahin Suva (die Hauptstadt in der ich arbeite) unter Quarantäne gestellt wird. Eine Anfrage bei der UNO ob sie uns dann hinauseskortieren würde, wurde bereits abschlägig beantwortet.

😦

So geht es hier schon seit Donnerstag. Ich stehe unter Spannung. Pläne zerplatzen innerhalb von Stunden und neu Türen tun sich auf, die ebenfalls wieder platzen. Trotzdem geht die Türe langsam immer weiter zu. Jeden Morgen nach dem Aufstehen sieht man ängstlich aufs Handy. Jedes Signal einer eingegangenen Meldung verursacht eine unangenehme Vorahnung. Naja, bald sollte die Unsicherheit vorbei sein und ich kann mich wieder auf meine Arbeit konzentrieren – wo immer ich dann auch sein werde.

Bitte haltet euch an die Maßnahmen und bleibt gesund. Möchte euch irgend wann wieder sehen.

 

 

 

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