Eine indische Hochzeit

Nausori, Mittwoch 26. April 2019, 22:00 Uhr

Manchmal – wenn man gesegnet ist wie ich – kommt das Schicksal (ok, von mir aus war es weniger pathetisch auch nur Zufall) mit einer sehr positiven Wendung und zwar noch dazu maßgeschneidert auf einen zu. Am Sonntag nach meiner Rückkehr fahre ich zur Uferstraße um mir ein wenig die Beine zu vertreten. Und siehe da: es herrscht Hochbetrieb. Die Inder feiern irgendein Fest. Ramanavami, wie mir später erklärt

wird. Ähnlich wie bei uns zu Ostern die Rückkehr Jesu auf die Erde gefeiert wird, kam der indische Gott Rama zur Erde. Wie Ostern hängt auch dieses Datum vom Mond ab. (Für alle Wissbegierigen unter euch, hier der link: https://de.wikipedia.org/wiki/Rama_(Mythologie) )

Die Frauen sind hübsch, bunt gekleidet (die Männer weniger), es wird musiziert, getanzt, gebetet und wie im Ganges IMG_0485gebadet. Volles Indienflair also hier auf Fidschi. Die Leute freuen sich über exotische Zaungäste wie mich. Und eine alte Frau küsst mich im Vorübergehen kurz auf beide Wangen. Ich bin freudig IMG_0458sprachlos. Es dauert nicht lange bis man mich zu Tanz und Speis‘ einlädt. Man erklärt mir ein wenig den Brauch und lädt mich am Abend zu ihrem Tempel ein. Angeblich wird dort auch Sita gespielt. Ich habe keine Sekunde lang überlegt und gleich zugesagt. Nicht oft im Leben bekommt man so eine Chance.

Der Tempel war nicht einfach zu finden. Er liegt rund vierzig Kilometer von meinem Zuhause entfernt zudem war IMG_0462es auch schon dunkel und regnete. Als ich ankam war alles schon ein wenig in Auflösung begriffen. Man freute sich, dass ich tatsächlich gekommen bin und ich wurde wie ein alter Freund begrüßt. Das Ganze fand unter einem Blechdach über einer rund 100 Quadratmeter großen Betonfläche statt, die an zwei Seiten von Gebäude begrenzt waren. Tempel war auf den ersten Blick keiner zu erkennen.

Mir wurde Abendessen aufgetischt. Oder besser gesagt aufgebodent. Tisch gab es nämlich keinen. Auch keine Teller. IMG_0153Gegessen wurde von einem Palmenblatt. Besteck? Fehlanzeige. Gegessen wird nach alter indischer Tradition mit den Fingern. Das schmeckt auch angeblich besser (hängt sicher davon ab wo man vorher seine Finger hatte). Es gab Vegetarisches. Sehr ökologisch also alles. An Tagen an denen Inder einen Tempel besuchen, essen sie nämlich kein Fleisch. Aha! (wo ist nun endlich der besagte Tempel?)

Das Essen ist gar nicht so scharf. Offenbar sind das keine Südinder oder ich bin durch die thailändische Küche schon abgehärtet. Dann bekomme ich eine kleine Führung von einer sehr netten Frau eines der hiesigen Männer. Der erste Tempel steht unter dem Blechdach und ist in etwa so groß wie eine oder maximal zwei Telefonzellen. wer sich überhaupt noch an diese erinnern kann. Dann geht es einen Stock höher und der dort unterbrachte Tempel hat dann eine passable Wohnzimmergröße. Mir wird die ganze Bhagavatapurana (wieder googel, ich hab hier nicht so viel Platz um das zu erklären) anhand der dort aufgestellten Statuen erklärt.

Danach muss ich mit den Männern Kava trinken. Da mich alle sehr mögen, hat man mich gleich für das Wochenende zu einer Hochzeit eingeladen. Wow!! Genau das hat mir noch in meiner Erlebnissammlung gefehlt. Eine Hochzeit! Wieder sage ich sofort freudig zu. Ich biete an, Kava oder Blumen mitzubringen. Man meint ein kleines Kuvert mit Geld für die Brautleute tut es auch. Wie ähnlich doch manche Sitten sind. Und auch nach den Bekleidungsvorschriften hab ich mich noch erkundigt. Ich möchte ja kein Aufsehen erregen. Für Männer gibt es keine Vorschriften. Eigenartig.

Ich kann es kaum erwarten. Nach ein paar Tagen ist es endlich so weit. Als ich ankomme ist schon ein wenig Stimmung IMG_0940und der Platz unter dem Blechdach schon mit rund 50 Personen fast halb gefüllt. Mit der Zeit strömen mehr und mehr Leute herbei. Zum Schluss sind wir rund 150. Ich werde von allen wichtigen Personen der Gemeinschaft wie ein Freund begrüßt und die anderen Anwesenden wundern sich warum.

Eine Band mit dem Glaubensvorsteher (Priester oder so) als Leader spielt traditionelle Musik. Er war es der mich vonIMG_0623 ein paar Tagen am Strand eingeladen hat. IMG_0642_MomentDie Musik wirkt sehr authentisch und vermittelt sofort ein echt indisches Gefühl. Die Frauen wunderschön angezogen, geschminkt mit viel Schmuck. Die Männer  … ein Graus. Shorts, T-Shirts und Badeschlapfen. Lediglich ein paar junge Burschen tragen traditionelle Gewänder und ein paar weitere zumindest ein schönes Hemd. Selbst ein Kerl der bei einer Zeremonie teilnimmt trägt ein Nike T-Shirt (siehe Foto unten). Auch der Glaubensvorsteher ist keine Ausnahme und ist eher sportlich als festlich gekleidet. Das ist der einzige Wehrmutstropfen. Der Rest ist Top.

 

Nach einer Stunde des Wartens, mit Musik und Tänzen kommt mehr und mehr Stimmung auf. Es ist nun alles bis auf den letzten Sessel voll. Die Mutter der Braut kommt die Geschenke einsammeln und begrüßt alle einzeln. Als ich ihr mein Kuvert gebe sieht sie mich verdutzt an IMG_0646(den kenn ich nicht, wer hat den denn eingeladen?) und nimmt aber dann lächelnd mein Geschenk entgegen. Ich warte auf das Brautpaar. Daraus wird nichts. Heute ist erst der zweite Tag der Trauung und der dreht sich nur um die Braut und nur ihre Gemeinde feiert. Der Bräutigam hat eine ähnlich Vorbereitungsfeier in seiner Gemeinde die weit weg liegt. Erst morgen am dritten Tag sehen sich die Brautleute, das erste Mal seit einer Woche.

Die Braut wird in einer Zeremonie mit geweihtem Öl eingerieben. Eine halbe Stunde später wird Reis gestampft. Weder die Braut, noch deren Schwester und Mutter sind jedoch Teil dieser Zeremonie. Ganz verstehe ich das nicht, aber es ist nett anzusehen.  Die nette Dame meines ersten Besuchs bemüht sich wieder mir alles zu erklären. Dann wird von ein paar Leuten Geld auf ein Brett gelegt. Nur wenige Leute nehmen an dieser Zeremonie Teil. Als ich frage werde da teilnehmen kann meint sie, dass auch ich das darf. Bevor ich mich dazu entschließen kann, ist das Ganze aber auch schon vorüber. Natürlich bin ich zögerlich. Da feiert eine ganze Gemeinde in der sich alle kennen ein intimes Fest und irgendein Fremder nimmt aus unerfindlichen Gründen an Zeremonien teil, die offenbar nur für wenige gedacht sind.

Dann folgt auch noch Reiskochen. Wieder von Frauen deren Verbindung zu Braut ich nicht erkennen kann. Und man kann wieder IMG_0650spenden. Den Geldschein in der Hand macht man über dem Reistopf drei Kreise und legt diesen dann auf ungekochten Reis. Diesmal nehme ich mir ein Herz und bin einer der wenigen die das machen. Die Augen der ganzen Gemeinde sind auf mich gerichtet.

Dann gibt es Tanz. Die mich betreuende Dame meint ich soll tanzen. Dann wäre ich aber der einzige, was mir peinlich ist. Eine Gruppe aus drei Mädchen bildet eine Tanzgruppe und soll die Stimmung anheizen. Eine kommt auf mich zu und bittet mich mir ihr zu tanzen. Da ich ihr den Wunsch schwer abschlagen kann mach ich das. Für einige Momente sind wir die zwei einzigen die tanzen. Alle Inder sitzen nur da und schauen, und beginnen sich über meine grooves zu amüsieren.

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Da ich diesmal nichts essen möchte und es schon spät ist verabschiede ich mich langsam von den paar Leuten die ich kenne. Es folgen einige gemeinsame Fotos. Mir wird von mehrerer Seite angeboten, dass ich jederzeit – wenn ich mich einsam fühle (wie kommen die auf sowas?) oder auch nur so – vorbei kommen kann. Ich verspreche bestimmt wieder zu kommen wobei ich das eher mit ihren interessanten Festen verbunden haben möchte. Man kommt als Fremder und geht als Freund. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sich die Leute geehrt fühlen, dass ich bei ihnen zu Gast bin. Liegt das an meiner Hautfarbe? Von Hass gegen westliche Menschen wie in Vorderasien ist hier nichts zu spüren. Ganz im Gegenteil. So wie meine Familie in Papua Neuguinea scheinen auch hier die Leute stolz darauf zu sein mich zu kennen.

Ich war schon immer ein Fan von Kulturen, die bunt, laut und fröhlich sind und gerne Feste feiern. Und das trifft auf Indien in besonderem Maße zu. Selbst die Sprache klingt interessant. In den christlichen Kulturen sind die kirchlichen Feste eher besinnlich, außer in Lateinamerika. Der Islam scheint hingegen generell eine Religion der Askese zu sein. Kein Alkohol, keine Zurschaustellung weiblicher Reize, Buße, keine ausgelassenen Feste. Das ist eher nicht mein Ding. Aber Indien … ich bin ein Fan.

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